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Ökonomie, Griechenland und das Internet der Dinge

In Sachen Ökonomie lohnt ein Blick nach Griechenland. Bei den alten Griechen war die Trennung klar: Es gab die Ökonomie, was wörtlich bedeutet: Dinge, die den Haushalt und die Privatsphäre betreffen. Als Gegenstück gab es die Politik, was wörtlich meinte: Dinge, die den Staat betreffen.

Mittlerweile sind ein paar hundert Jahre ins Land gegangen und die gegenwärtigen Assoziationen zu Griechenland und Ökonomie dürften sich verändert haben. Im Jahre 2013 hielt Yanis Varoufakis auf dem sechsten Subversive Festival in Zagreb einen Votrag über Ökonomie und Theorien dazu. Der Titel seines Vortrags, den der Guardian bearbeitet vor ein paar Tagen veröffentlichte: ”How I became an erratic Marxist”.

Varoufakis, Dozent für Wirtschaftswissenschaften, Berater und später scharfer Kritiker der früheren griechischen Regierung und ehemaliger Hausökonom für den Spielehersteller Valve, ist mittlerweile Finanzminister in der Regierung Griechenlands, die von der radikalen Linken zusammen mit einer rechtspopulistischen Partei in einer Koalition gebildet wird.

Auch wenn man ihm nicht zustimmen mag, kann man auf jeden Fall sagen: Sein Text ist bedachtsam formuliert und klar in den Argumenten, die er entwickelt. Er beschreibt seine persönlichen Probleme damit, einerseits in seinem Denken stets von Marxschen Gedanken geprägt gewesen zu sein und führt andererseits auch zwei Probleme auf: die Unfähigkeit marxistischer Theorie, sich mit den Irrungen und auch Verbrechen derjenigen zu beschäftigen, die diese Theorie für sich reklamierten und das Problem, bei der Beschäftigung mit Kapitalismus und Krise allein auf Rechnungen und Zahlenspielereien wie im Kapital zu vertrauen.

Für Varoufakis ist seine persönliche Schlussfolgerung, für die er Kritik aus der Linken einstecken musste: Eine Freude über Krise und Zusammenbruch des Kapitalismus in Europa kann er nicht empfinden. Obwohl er gerne etwas hätte, was besser ist als der Kapitalismus, sieht er sich in der jetzigen geschichtlichen Situation gezwungen, diesen vor dem totalen Zusammenbruch zu bewahren – aus Gründen der Menschlichkeit und aus antifaschistischer Überzeugung:

As the whole world now knows, Papandreou’s party not only failed to stem xenophobia but, in the end, presided over the most virulent neoliberal macroeconomic policies that spearheaded the eurozone’s so-called bailouts thus, unwittingly, causing the return of Nazis to the streets of Athens.

(…)

A Greek or a Portuguese or an Italian exit from the eurozone would soon lead to a fragmentation of European capitalism, yielding a seriously recessionary surplus region east of the Rhine and north of the Alps, while the rest of Europe is would be in the grip of vicious stagflation. Who do you think would benefit from this development? A progressive left, that will rise Phoenix-like from the ashes of Europe’s public institutions? Or the Golden Dawn Nazis, the assorted neofascists, the xenophobes and the spivs? I have absolutely no doubt as to which of the two will do best from a disintegration of the eurozone.

I, for one, am not prepared to blow fresh wind into the sails of this postmodern version of the 1930s. If this means that it is we, the suitably erratic Marxists, who must try to save European capitalism from itself, so be it. Not out of love for European capitalism, for the eurozone, for Brussels, or for the European Central Bank, but just because we want to minimise the unnecessary human toll from this crisis.

Yanis Varoufakisi“How I Became an Erratic Marxist”

Interessanterweise sieht ein Minister einer radikal linken Regierungspartei momentan keine Möglichkeit, den Kapitalismus zu überwinden, während ein US-amerikanischer Soziologe, Ökonom und Publizist, der ganz ohne marxistische Prägung in der Biographie daherkommt, in seinem aktuellen Buch bereits das Ende des Kapitalismus einläutet. In seinem 2014 erschienenen Buch ”The Zero Marginal Cost Society: The internet of things, the collaborative commons, and the eclipse of capitalism” vertritt Jeremy Rifkin die These, dass sich angesichts nahezu kostenfrei möglicher weltweiter Vernetzung, Kommunikation sowie Datenerfassung und -austauschs die Zusatzkosten für Produkte (so genannte Grenzkosten) gegen Null entwickeln würden. Er spricht davon, dass mit der Entwicklung hin zu einer neuen Wirtschaftsordnung namens collaborative commons Voraussetzungen für eine „dritte industrielle Revolution“ vorlägen.

Jeremy Rifkins Analyse der kapitalistischen Produktionsweise in einer immer mehr auf das Teilen zu fallenden Grenzkosten ausgerichteten Gesellschaft liest sich aufregend: Endlich werden wieder große Fragen gestellt und endlich gibt es wieder Utopien. Manches an seiner Theorie wirkt seltsam: Inwiefern es eine Keimform der Sharing Ecomony ist, wenn selbst Gastfreundschaft ganz klassisch kapitalistisch in Warenform gepresst wird (Uber, AirBnb), verstehe ich nicht ganz. Und dann werden Zukunftsaussichten mit einem sehr breiten Pinsel gemalt: Energie wird quasi kostenlos durch erneuerbare Energiequellen und immer wieder: das Internet of Things (IoT) wird uns Echtzeitdaten zur Ökonomie geben und den Markt alt aussehen lassen.

Mit Michael Seemann hatte ich vor ein paar Tagen ein Gespräch darüber. Seine Position in dem Gespräch, dass Märkte nicht verschwinden werden und Planwirtschaft eh schon in Unternehmen praktiziert wird, hat er in einem Blogartikel aufgeschrieben.

Vielleicht ist das Internet der Dinge tatsächlich ein möglicher Faktor für eine ganz andere Ökonomie jenseits des Kapitalismus. Vielleicht war Cybersyn, bei der die sozialistische Regierung Salvador Allendes versuchete, eine nationale Ökonomie mit Hilfe eines archaischen Vorgängers des Internets der Dinge zu steuern, einfach ihrer Zeit voraus und musste nicht nur wegen des CIA-Putsches gegen Allende, sondern auch wegen der technischen Machbarkeit scheitern. Vielleicht brauchten wir erst die Erfahrung mir eBay und Craigslist, um uns eine radikal andere Ökonomie mit einem universellen stigmergischen Allokationsystem überhaupt vorstellen zu können, aus dem sich eine Commons-basierte Peer Production (”Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen, alles geroutet in einem offenen Internet”) entwickeln kann. Und wer weiss, was sich noch alles im Internet der Dinge bewegt in Zukunft, wenn wir selbst Teil davon geworden sind. Menschen mit seltsamen Vorstellungen von Zeitvertreib grübeln zumindest schon darüber nach, wie Quantified Self in Zukunft aussehen kann – während die Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten von Quantified Self nicht mal gehört haben dürfte.

Und ja, auch Fragen der Privatsphäre betrifft dann dieser Traum einer anderen Ökonomie, die den Kapitalismus ersetzen soll. Des einen Internet der Dinge ist des anderen Totalberwachung – ein Einwand, den Rifkin eher lustlos zur Seite schiebt mit einem schwammingen Hinweis darauf, dass Fragen des Datenschutzes und der Privatheit neu reguliert werden müssten. Er weist allerdings auch darauf hin, dass das Leben im Privaten oder überhaupt eine Vorstellung davon, was privat ist, erst mit dem Kapitalismus entstand:

Erst in der kapitalistischen Ära begannen die Menschen, sich hinter verschlossene Türen zurückzuziehen. Das Leben des Bürgers war eine private Angelegenheit. Obwohl die Menschen eine öffentliche Rolle annahmen, spielte sich ein Gutteil ihres Alltagslebens in abgeschiedenen Räumen ab. Zu Hause lebte man noch isolierter in separaten Räumen, jeder mit seiner eigenen Funktion – Salon, Musikzimmer, Bibliothek usw. Zum ersten Mal begann man sogar in getrennten Betten und Zimmern zu schlafen. Einhegung und Privatisierung des menschlichen Lebens gingen Hand in Hand mit der Einhegung und Privatisierung der Allmenden. In der neuen Welt des Privateigentums, wo alles auf die Dichotomie »mein« und »dein« reduziert war, nahm die Idee eines autonom Handelnden, inmitten seiner Besitztümer und von der Welt Abgeschnitten, ein Eigenleben an. Das Recht auf Privatleben wurde zum Recht auf Ausschluss des anderen.

Jeremy Rifkin“Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet Der Dinge Kollaboratives Gemeingut Und Der Rückzug Des Kapitalismus”

Grundrechte wie das auf Privatheit sind nur schwer mit einer extremen Vision einer Ökonomie zu vereinbaren, die Rifkin mit dem Internet der Dinge erträumt – und die andere längst parodieren, wenn sie IoT-Erfindungen zur Messung des Stuhlgangs in schickem Design auf auf Webseiten packen.

Andererseits – die positive Utopie einer Gesellschaft, in der ein ökonomisches System wie der Kapitalismus trotz seiner scheinbaren Allgegewart und Unüberwindbarkeit in Frage gestellt werden kann, beinhaltet, dass wir uns nicht nur um bürgerliche Grundrechte bemühen, sondern auch die Frage nach der ökonomischen Teilhabe neu stellen. Es kann durchaus auch politisch über eine andere Ökonomie entschieden werden. Den alten Griechen würde es ob dieser linguistischen Widersprüchlichkeit grausen. Was haben Dinge, die den Haushalt und die Privatsphäre betreffen denn zu tun mit Dingen, die den Staat betreffen? Im Wortsinne wäre eine politische Ökonomie nichts für die alten Griechen.

Die aktuellen Griechen mögen das anders sehen. Politics? It’s the economy, stupid!

Perhaps the most significant dimension of the neoliberal triumph is what has come to be known as the “democratic deficit”. Rivers of crocodile tears have flowed over the decline of our great democracies during the past three decades of financialisation and globalisation. Marx would have laughed long and hard at those who seem surprised, or upset, by the “democratic deficit”. What was the great objective behind 19th-century liberalism? It was, as Marx never tired of pointing out, to separate the economic sphere from the political sphere and to confine politics to the latter while leaving the economic sphere to capital. It is liberalism’s splendid success in achieving this long-held goal that we are now observing. Take a look at South Africa today, more than two decades after Nelson Mandela was freed and the political sphere, at long last, embraced the whole population. The ANC’s predicament was that, in order to be allowed to dominate the political sphere, it had to give up power over the economic one. And if you think otherwise, I suggest that you talk to the dozens of miners gunned down by armed guards paid by their employers after they dared demand a wage rise.

Yanis Varoufakisi“How I Became an Erratic Marxist”

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