Hackety hack hack

Atypisches Nutzerverhalten mit Rat und Tat.

Totalreflexion der Daten durch Prism

Színszóródás prizmán1 Das Prisma aus der Optik ist eine spezielle Form des geometrischen Körpers Prisma, das benutzt werden kann, um Licht in seine Bestandteile aufzubrechen. Bei einer verbreiteten Form des Prisma wird das Licht dabei mit Totalreflexion zurückgeworfen, ähnlich der Kugel beim Billiardspiel. Nach einigen Runden teilen sich die die unterschiedlichen Farbtöne des weissen Lichts nach der Reisegeschwindigkeit ihrer Wellenlängen auf. Aus dem Klumpen Big Data des weissen Lichts werden unterscheidbare Daten oder Metadaten extrahiert.Beim NSA-Überwachungsprogramm Planning Tool for Resource Integration, Synchronization, and Management, kurz Prism, wird mindestens die gesamte Internetkommunikation der westlichen Welt durchgeleitet und versucht, aus dieser Kommunikation Daten zu extrahieren, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden.

Vermutlich gab es zu keiner Zeit eine umfangreiche Überwachung der gesamten Bevölkerung. Ausgehend von dem beschämenden Zitat des Bundespräsidenten Gauck, mit den Aktenschränken der Stasi sei Prism nicht zu vergleichen, haben OpenDataCity eine Visualierung erstellt, welche Fläche auf dem Erdball die Daten bei Prism einnehmen würden, wenn sie als Aktenschränke ausgedruckt werden würden. Die Idee einer Karte im Maßstab 1:1, wie sie schon Borges oder Eco beschrieben haben, kommt in den Sinn.


Gehe zu Stasi versus NSA. Realisiert von OpenDataCity (CC-BY 3.0)

Wenn wir also spätesens seit Juni in der Gewissheit der ständigen Vollüberwachung leben und sich die Ereignisse und Enthüllungen fast täglich überschlagen, stellt sich für mich die Frage, wo noch die politischen Handlungsoptionen innerhalb des Prisma liegen, was wir bedeckt unter der Karte im Maßstab 1:1 noch erreichen können.

Der viel zu gute, viel zu wenig gelesene Science-Fiction-Roman ”Der Schockwellenreiter” von John Brunner aus dem Jahre 1975(!) endet mit einer Volksabstimmung, nachdem ein weltumspannendes Überwachungsnetzwerk öffentlich gemacht und durch einen Computerwurm unschädlich gemacht wurde. Die Einleitung auf dem Stimmzettel für alle Menschen des Planeten lautet:

„Wir sind eine zivilisierte Spezies. Deshalb soll künftig niemand einen unrechtmäßigen Vorteil aufgrund der Tatsache erlangen, dass wir gemeinsam mehr wissen, als einer von uns wissen kann.“

John BrunnerDer Schockwellenreiter

Es ist richtig, sich über Prism zu empören. Es ist verständlich, wenn wir verzweifeln wollen (auch wenn das keine Lösung sein kann). Es ist wichtig, jetzt Kryptographie als praktische Form der digitalen Selbstverteidigung zu lernen oder es anderen Menschen beizubringen. Noch wichtiger ist es aber, aus dem unfassbaren Skandal der totalen Überwachung politische Forderungen zu entwickeln. Meine Forderung für ein besseres, menschenwürdigeres digitales Leben bleibt die gleiche wie vor Bekanntwerden von Prism, wenn auch mit einem anderen Betrachtungswinkel: Mehr Daten für alle. Es liegt an uns, aus der Technologie und Infrastruktur von Prism die Grundlage für eine maschinenlesbare Regierung zu bauen.

Wer mag, kann das als digitale Abrüstung im Überwachungsstaat sehen: Schwerter zu Pflugscharen, Stahlhelme zu Nachttöpfen, Prism zur offenen strukturierten Datenbasis über Regierungshandeln. Die Frage nach politischer Teilhabe anhand von Daten gehört nachdrücklich gestellt und die gewaltvolle Aufteilung in allwissende Geheimdienste und einen Planeten informationeller Habenichtse muss politisch aufgehoben werden.

Stellt euch die Möglichkeiten vor, die wir hätten, wenn wir gemeinsam auf Basis der größten Datensammlung aller Zeiten (über öffentliche, politische Daten, nicht über die private Kommunikation von Menschen untereinander) verfügen könnten. Jeder Mensch könnte zumindest zeitweise und nach Feierabend zur Politikerin werden, um Expertise einzubringen. Ein Landwirt hätte an seinem PC nach getaner Arbeit einen gigantischen wissenschaftlichen Dienst zur Verfügung zur Untermauerung des Bauchgefühls, dass irgendwas mit der Landwirtschaftspolitik nicht in Ordnung ist. Andere würden ihr jeweiliges politisches Interessengebiet beackern. Die Bevölkerung würde sich (wenn auch nur punktuell und nur ein paar Minuten in der Woche) in eine gigantische, unglaublich gut informierte Opposition verwandeln, die in einem ständigen Kreislauf Kleiner Anfragen die beste Politik für uns alle aus der Datenflut extrahiert.

Erledigen wir Prism und andere Schnüffelsysteme politisch, indem wir dafür sorgen, dass künftig niemand einen unrechtmäßigen Vorteil aufgrund der Tatsache erlangen, dass wir gemeinsam mehr wissen, als einer von uns wissen kann. Beenden wir die Herrschaft der Geheimdienste über die Daten und machen sie nutzbar für uns alle.

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