Hackety hack hack

Atypisches Nutzerverhalten mit Rat und Tat.

Netzneutralität auf Layer 9

Ich finde es nicht unwichtig, wenn technische Aspekte der gegenwärtigen Debatte um die Netzneutralität diskutiert werden. Angesichts einer Petition an den Bundestag, die sich anschickt, der “Zensursula-Moment” der Netzbewegung im Jahr 2013 zu werden, ist die Frage legitim, ob politische Forderungen an die Politik gestellt werden sollen, die mit den technischen Gegebenheiten nichts zu tun haben. Der Wunsch, irgendwas mit Internet zu machen, war sicher auch die Motivation für Ursula von der Leyen und Karl-Theodor von Guttenberg, ein technisch sinnloses und politisch fatales Zugangserschwerungsgesetz einzureichen. “Ich will aber, dass es technisch so ist” verbunden mit einem trotzigen Aufstampfen gilt nicht als gutes Argument gegen die normative Kraft des Faktischen, auch nicht, wenn es aus der Netzbewegung kommen sollte. Trotz der Wichtigkeit der technischen Kritik geht diese allerdings meines Erachtens am Kern der politischen Forderung vorbei.

Stellvertretend für Viele hat Hans Hübner seine technisch fundierte Kritik an Forderungen zur Netzneutralität aufgeschrieben: “Liebe Netzgemeinde, fordert doch bitte mal was Präzises, technisch Realisierbares, und nicht von technischen Dienstleistern, dass sie Euch bitte für 30 Euro im Monat die Illusion von “Freiheit” erzeugen sollen.”

Es ist richtig, dass es IP-basierte Dienste gibt, die ohne Priorisierung nicht funktionieren: IP-Fernsehen, Voice over IP und Bereiche der Telemedizin brauchen verlässliche Mechanismen zu Quality of Service, um sinnvoll eingesetzt zu werden. Neue Technologien in der Medizin, Kommunikation oder Unterhaltung sind per se sinnvoll für mich — durch eine falsch verstandene Netzneutralität, die alles verbietet, was nicht nach dem Best-Effort-Prinzip geroutet wird, würde ich mich eingeschränkt fühlen. Die pauschale Ablehnung von Technik kann nicht der Punkt sein. Die Forderung ist vielmehr: Der Zugang zum Internet und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und frei sein.

Ein seit den 1980er Jahren vom Internet Systems Consortium vertriebenes T-Shirt ergänzt das OSI-Schichten-Modell bei Netzwerken humoristisch: Auf Schicht 8 gibt es den “financial layer” und auf Schicht 9 den “political layer”. Der Kampf um Netzneutralität wird auf Layer 9 geführt.

Netzneutralität bedeutet, die diskriminierungsfreie Teilhabe am Internet zu garantieren. Das kann auch bedeuten, dass Telemedizin (oder meinetwegen Fernsehübertragungen) auch denen zur Verfügung stehen, die weniger Geld haben. Das Projekt Wikipedia Zero, das in Ländern des globalen Südens Zugang zu Wikipedia per Mobiltelefon völlig kostenlos durch die Netzbetreiber zu verwirklichen versucht, ist streng gesehen eine Verletzung der Netzneutralität, aber zielt auf die Teilhabe an der digitalen Welt. Diese Teilhabe muss politisch ausgefochten und politisch festgelegt werden, auf einer Netzwerkschicht, die vom “managed network” der Telekom entfernt liegt. Auf einer abstrakten Ebene weiter gehen die politischen Forderungen, die verkürzt und prägnant auf das Schlagwort “Netzneutralität” gebracht werden, sogar weit über alles hinaus, was mit Netzwerktechnik zu tun hat: Teilhabe am Digitalen betrifft auch Fragen nach freien Werken aus Kunst und Kultur. Es ist nur ein Teilaspekt, wenn unter Verletzung von Netzneutralität Filesharing ausgefiltert wird — die kollektive Halluzination von Copyright und der Ausschluss von Bevölkerungsschichten in Bezug auf kulturelle Werke im Netz passieren auf Layer 9.

Ja, es gibt durchaus konkrete technische Forderungen zur Netzneutralität, die sich auf niedrigere Netzwerkschichten beziehen. Preistranparenz, QoS-Transparenz und verbindliche Peering-Regeln etwa, kein Monopol auf der letzten Meile, frei wählbare DSL-Profile und feste IPv6-Präfixe oder IP-Adressen, um vom Konsumenten zum Teilnehmer im Netz zu werden, sind technische Forderungen an die Carrier. Natürlich graut es mir auch davor, wenn mit gefährlichem Halbwissen ausgestattete Politiker im Bundestag technisch komplizierte Details zu Netzwerken debattieren sollen. Aber vielleicht geht es auch weniger um technische Details auf den Schichten unterhalb von Layer 9. Versuchen wir den höchsten Layer netzneutral zu gestalten.

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