Hackety hack hack

Atypisches Nutzerverhalten mit Rat und Tat.

Wie ich das Geld auf der Straße fand und was ich damit tat nachdem ich es gefunden hatte

You—sitting right there, reading this article—you’re an avatar in Second Life. You work a Second Life job, earning Linden dollars. You have blue hair and a serpentine tail, and you’re dating an androgynous digital skateboarder named Rikki. Also, you are a ninja. Life is great.
At least, that’s the way things were supposed to unfold. In 2006, the future was Second Life. Business Week put Second Life on the cover. American Apparel, Dell, and Reebok, among many others, rushed to build virtual storefronts. Reuters even created a full-time Second Life bureau chief. People rushed to sign up and create their own avatars. Blue hair and Linden dollars were the future.

Looking back, the future didn’t last long. By the end of 2007, Second Life was already losing its fizz. “Businesses are shuttering in Second Life, it seems, because no one is using them,” wrote Morgan Clendaniel in a brutal piece in GOOD magazine. “There were never any employees at stores like Dell and Reebok when I visited, nor were there any customers. But that wasn’t that shocking because, for the most part, there seems to be no one in Second Life at all.”
Today, Second Life limps along. In the first half of 2011, the company reported that an average of about 1 million users logged in every month—which, you have to admit, is about 999,990 more than you expected. But during this same period, Facebook averaged roughly 500 million logins per month.

Etwa um 2006 habe ich auch das zweite Leben hinter mir gelassen. Das war kein bewusster Entschluss, etwa um gegen den Hype zu protestieren, der Second Life als Zukunft des Internets bis auf den Titel des Spiegels hochgelobt hatte, eher ein unbemerktes Ausschleichen nach einer langen Phase der Langeweile und der Frage danach, wozu Second Life eigentlich gut sein sollte. Ich hatte dort ein bisschen Go gespielt, weil ich es lustig und rekursiv fand, in einem 3D-Spiel ein etliche tausend Jahre altes Brettspiel zu spielen, ich war mit einer befreundeten Heise-Journalistin in eine Darkwave-Grufti-Disco gegangen und hatte mit dem Verkauf von Club-Mate in Second Life ein bisschen mit der spielinternen Ökonomie herumgebastelt.

Die meiste Zeit stand ich aber herum und war allein, denn Second Life war vor allem eins: ganz schön leer. Mein Avatar “Dumpling Gyoza” langweilte sich und mich. Ich wusste, dass die virtuelle Welt durchaus noch benutzt wurde, von Fetischfreund_innen wie Furries oder Goreanern als Spielplatz für Rollenspiele benutzt wurde, aber — wie man in England sagt — das war not my cup of tea.

Andererseits: Ich mag Software-Archäologie. Ich habe 2005 auf der GPN in Karlsruhe einen kleinen Vortrag über das längst vergessene Gopher-Protokoll gehalten und für das Chaos Communication Camp 2007 ein Textadventure geschrieben. Ich mag es, nostalgisch auf vergessene oder obsolet gewordene Medien oder Technologien zurückzublicken. Das war Grund genug, mich nochmal in Second Life einzuloggen — nachdem ich mein vergessenes Passwort zurückgesetzt hatte und den seit etlichen Jahren nicht mehr aktualisierten Client neu heruntergeladen hatte.

In Second Life gibt es eine spielinterne Währung, den Linden Dollar (L$). Mit L$ kauft man in der Spielwelt Land oder Klamotten oder man gibt dem DJ im Club ein kleines Trinkgeld. Monatlich (oder wöchentlich, ich weiss es nicht mehr) gibt es ein kleines Taschengeld, ansonsten müssen die L$ erarbeitet werden oder gegen Währungen aus der Welt jenseits des Videoschirms gekauft werden. Beim Login war ich überrascht: Durch nur wenige Jahre des Ignorierens hatte ich ein Taschengeld von über 20000 L$ erarbeitet, sozusagen Zinsen einer negativen Aufmerksamkeitsökonomie.

Für mich war klar, dass nur Kapitalflucht als Option in Frage kam. Aber anstatt in zukunftssichere Währungen wie griechische Drachmen zu investieren, beschloss ich mit meinem zufällig entdeckten L$-Vermögen die Kapitalflucht nach Bitcoin. In gewisser Weise ist Bitcoin der würdige Nachfolger von Second Life. Nach einem unvorstellbaren Hype in diesem Jahr, bei dem prophezeit wurde, dass die Peer-to-Peer-Währung alles umwerfen würde, brach die Aufmerksamkeit für das Projekt nach dem Crash im Juni 2011 ziemlich ein. Mit Mining oder heissen Geschäften ließ sich kein Vermögen mehr machen. Begeisterte Fan-Kids der Währung beteten zwar nach wie vor das Mantra “Jetzt ist genau die richtige Zeit, um Bitcoin zu kaufen”, aber das hatten sie auch schon gesagt, als der Bitcoin bei 30 US$ stand, dann bei 17 US$, bei 13 US$, bei 8,5 US$, bei 7 US$, bei 6,50 US$, bei 5 US$, bei 4 US$, und bei 3 US$. Irgendwann hört man nicht mehr zu. Und trotzdem: Es gibt noch Bitcoin. Nach wie vor ist es eine ziemlich ausgeklügelte kryptographische Lösung, an der sich etliche Sicherheitsexpert_innen die Zähne ausgebissen haben, ein pseudonymes Überweisungssystem für das Internet, das die PayPals der Welt schlecht aussehen lässt.

Wie PGP für Verschlüsselung wird es vermutlich in die Nerd-Nische verschwinden, aus der es gekommen ist, aber nicht sterben. Cypherpunk’s not dead, egal wieviele Nachrufe Wired dem Bitcoin-Hype spendiert. Das neoliberal-anarchokapitalistische Gestammel von der Bitcoin-Ökonomie fand ich immer verdächtig, das technische System dahinter allerdings durchaus schlau.

Bei VirWox war es relativ problemlos möglich, L$ in Bitcoin zu tauschen. Dazu muss man seinen Avatar nur in die virtuelle Region der Frankfurt Skyline teleportieren und an einem Automaten Geld einzahlen. Nachdem das Geld in Form von Bitcoin bei mir angekommen war, konnte ich mit dem ziemlich neuen, gerade erst erschienen Bitcoin-Client mein Vermögen in der wallet.dat-Datei ansehen. Nach ein bisschen Recherche im Bitcoin-Wiki hatte ich mich dann auch in die JSON-RPC-Schnittstelle eingefuchst und in Ruby ein Programm zusammengehackt, das mir meinen aktuellen Kontostand und den momentanen Wert in Euro ausgibt.

Es ist einer dieser Science-Fiction-Momente, wenn ich mich ökonomisch komplett in einer anderen Sphäre bewege als die meisten Menschen dort draussen. Es ist gleichzeitig aufregend und völlig bedeutungslos für die Weltökonomie von Occupy Wallstreet bis Euro-Krise. Ich habe vermutlich richtig viel Geld bei dem Tausch verloren. Geld, das ich nie besessen habe und das auf eine gewisse Art auch nie wirklich existiert hat. Vermutlich war alles nichts weiter als eine sinnlose Kunstperformance, wie sie die von mir hochgeschätzte Kunstgruppe monochrom schon vor einiger Zeit ganz ähnlich unter dem Namen Türme von Hanoi durchgeführt hatte. Aber, mal im Ernst: Was ist heutzutage nicht Performance?

Update: Um die Frage zu beantworten, die mir jetzt schon mehrfach gestellt wurde: Nach dem ganzen Hin und Her mit der Teleportation von Avataren und dem Wechsel virtueller Währungen bin ich jetzt um den Gegenwert von immerhin etwa 60 Euro reicher. Ich werde bei Gelegenheit davon vermutlich unter anderem einen leckeren Burger kaufen, den ich im einzigen mir bekannten Restaurant das Bitcoin akzeptiert, dem Room 77 in Kreuzberg, ganz unvirtuell geniessen werde.

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