Hackety hack hack

Atypisches Nutzerverhalten mit Rat und Tat.

Gute Technik, böse Technik — Evgeny Morozovs Abrechnung mit Jeff Jarvis

Unter dem Titel “The Internet Intellectual” hat Evgeny Morozov eine lange Kritik an Jeff Jarvis’ neuem Buch “Public Parts: How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live” veröffentlicht. Um eine Buchkritik handelt es sich aber nur dem Anschein nach. Vielmehr nimmt Morozov eine Abrechnung mit Jarvis’ gesamten Denken vor. Jarvis wiederum antwortet zunächst auf Google+ und geht dann interlinear auf die Kritik ausführlich ein. Eine öffentliche Diskussion findet statt. Intelligente Kritik finde ich für die Debatte sehr wichtig und ich bin froh über die Form, in der sie hier geführt wird. Tatsächlich ist Morozov am überzeugendsten, wenn er die Schwächen im theoretischen Fundament von Jarvis aufzeigt. Die Ausführungen dazu, wie Jarvis die Habermasche Theorie vom Strukturwandel der Öffentlichkeit für die eigene Zwecke ins Gegenteil verkehrt und instrumentalisiert, nachdem er sie zunächst in einer simplifizierten Form rezipiert hat, fand ich erhellend. Jarvis muss zugeben, dass er hier theoretisch kein bisschen sattelfest ist:

I make it clear in the book that I am no Habermas scholar; I started reading him for this project.

Bemerkenswert finde ich, dass hier Habermas zum Maß aller Dinge gemacht wird — zumindest in meiner ganz persönlichen Sicht auf den gegenwärtigen Stand im deutschsprachigen akademischen Diskurs ist dessen Theorie von Privatsphäre und Öffentlichkeit aktuell zwar wichtig, aber letztendlich doch etwas altbacken und angestaubt. Ob durch die Übersetzung ins Englische das Wort von der “public sphere” vielleicht etwas reizvoller klingt, etwa durch das Bild einer kugelfischartigen Form, die die “sphere” evoziert?

Auch beim Ausblenden der politischen Ökonomie des Internets durch Jarvis legt Morozov den Finger auf die richtigen Wunden:

Neither Jarvis nor Clay Shirky—that other promoter of “Habermas for Dummies: The Web-Only Edition”—wants to grapple with the cultural consequences of the political economy of today’s Web. Instead they make an implicit assumption that today’s Internet companies will somehow prove more benign than all the corporate-controlled media that preceded them.

Zurecht weist Morozov auch auf die privilegierte Position von Jarvis hin, auch wenn Jarvis diesen Punkt durchaus thematisiert — bestückt mit einigen Privilegien lässt es sich eben leichter auf Privatsphäre verzichten. Leider arbeitet sich Morozov aber auch mit wenig überzeugenden persönlichen Attacken (“clown credentials”) an Jarvis ab. Er stimmt mit den Grundthesen von Jarvis überein: Öffentlichkeit braucht eine Lobby, Öffentlichkeit kann Gutes bewirken, das Internet hat das Potenzial zu weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen. Bei so viel Einigkeit stellt sich die Frage, woher die Energie kommt, Jarvis mit einer derartigen Breitseite zu attackieren. Letztendlich sind sich Jarvis und Morozov in ihrer diametralen Entgegengesetztheit viel näher als dass sie von einander entfernt sind: Beide sind sie Träumer, Jarvis träumt einen optimistischen Traum vom Internet, Morozov einen pessimistischen. Bei beiden ist die jeweilige Rolle seit Jahren ein eingeübtes, ständig neu variiertes Spiel, mit der sie ihre jeweiligen Fans überzeugen. Der Vorwurf, Jarvis sei “intellectually lazy” und nur auf die utopischen Qualitäten der Technologie versessen, kann ebenso gut an Morozov, den ständigen Mahner vor den dunklen Seiten des Netzes, zurückgegeben werden:

And there is Morozov distilled to his essence. He is as one-dimensional on the topic of technology as he accuses me of being, only from the pessimistic side.

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