Hackety hack hack

Atypisches Nutzerverhalten mit Rat und Tat.

2012: Schreckensvision einer fernen Zukunft

Der folgende Bericht mag schockieren, doch er basiert auf Tatsachen. Alle mit Anführungszeichen und Seitenzahlen gekennzeichneten Zitate stammen aus dem Buch “Vorsicht Volkszählung! Erfaßt, vernetzt und ausgezählt.” herausgegeben von Roland Appel und Rainer Osnowski Dieter Hummel, erschienen im Kölner Volksblatt Verlag 1987

Äußerlich hat sich die Welt in den letzten 25 Jahren nicht stark verändert. Noch immer ist die Welt in zwei Machtblöcke gespalten, der Osten unter Führung der Sowjetunion, die von Generalsekretär Gorbatschow mit eiserner Faust geführt wird auf der einen Seite und der uns bekannte Westen, in dem sich die Bundesrepublik wirtschaftlich und politisch an den USA orientiert. Abgeschlagen und ökonomisch bedeutungslos liegen dahinter die Staaten, die sich zu keinem der beiden Blöcke bekennen und mehrheitlich der sogenannten “Dritten Welt” zuzuordnen sind, etwa die Länder Afrikas oder China.

Aber wenn ein Zeitreisender aus dem Jahr 1987 unsere Welt heute betreten würde, es würde ihm schwerfallen, das wieder zu erkennen, was seinerzeit als der “freie Westen” bezeichnet wurde. “Erfaßt, vernetzt und ausgezählt” fristen die meisten Menschen im westlichen Teil Deutschlands ihr Dasein. ”Die Informations- und Kommunikationstechniken – also Computertechnik, Mikro- und Optoelektronik, Robotertechnik, Telekommunikationstechniken usw. – geben die Möglichkeiten, eine allgegenwärtige Infrastruktur zur Erfassung, Speicherung, Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen zu schaffen.” (S. 208). ”Besondere Aufmerksamkeit verdient der Charakter der I&K-Techniken als universeller Kontrolltechnik.” (S. 209).

Wie konnte es zu diesem Überwachungsstaat von Orwellschem Format kommen? Der Anfang war, wie so oft, harmlos, auch wenn es 1987 schon erste besonnene Mahner gab. Die Verdatung kam auf leisen Sohlen unter dem Namen ISDN über uns. Damals warnten Kritiker: ”Hinter der Abkürzung verbirgt sich “Integrated Services Data Network” – also ein verschiedene Dienste integrierendes, digitalisiertes Datennetz. Landläufig das, was eines Tages das Glasfasernetz für alle darstellen soll. Bei diesem Übertragungssystem werden gesprochene Worte wie Computerdaten in binäre (+, -) Impulse zerlegt und übermittelt. Derzeit ist dabei weder die Funktionssicherheit gewährleistet, noch Datenmißbrauch auszuschließen, da mit der Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit Millionen von Daten übertragen zu können, die Fähigkeit zum Datenschutz sinkt.” (S. 189)

Das zweite Standbein des Überwachungsstaates ist — ganz wie bei Orwell — der Fernsehschirm des Großen Bruders: ”Die derzeitige Bundesregierung hat es sich zum Ziel gesetzt, allen Bundesbürger/innen in möglichst kurzer Frist ein neues Kabelnetz in die Wohnung zu legen. Was derzeit unter dem zynischen Werbeslogan ‘mehr erleben’ angepriesen wird, ist die Vorstufe eines Gesamtsystems, dessen Erprobung noch aussteht, für das die Hersteller von Datenverarbeitungsmaschinen sich jedoch mit dem Deutschen Bundestag ein besonders exklusives Experimentierfeld geschaffen haben.” (S. 190)

Geradzu blind rannte die Gesellschaft vor 25 Jahren in ihr Verderben, als sie die offensichtlichen Parallelen zwischen Atomkraft und digitaler Übertragung von Sprache nicht erkannte, obwohl beispielsweise Robert Jungk vor dem “Atomstaatsyndrom” bei der I&K-Technik warnte: ”Eine so riskante Technik wie die AKW-Technik, bzw. die auf ihrer Grundlage aufgebauten Betriebe kann der Staat ebenso wenig einfach in der Gegend herumstehen lasssen wie die Einrichtungen der I&K-Techniken, von denen die Gesellschaft in wachsendem Maße abhängig wird.” (S. 213)

Seufzend fragen wir uns im Jahr 2012, ob wir es denn hätten verhindern können. Wieder einmal hätte der Lauf der Geschichte gestoppt werden können, wenn nicht einzelne Profiteure der Verdatung vorgeprescht wären oder zumindest rechtzeitig gestoppt worden wären, bevor sie ihr Unheil anrichten konnten. Doch wir alle hatten die Heuschrecken des Überwachungsstaates unterschätzt, die die Einführung von IuK-Techniken in allen gesellschaftlichen Bereichen der Bundesrepublik um jeden Preis ergaunern wollten: ”Nur so bekommt es auch einen Sinn, daß die CDU-Fraktion mit der Anschaffung von 150 Wang-Computern im Herbst 1986 bereits irreversible Fakten geschaffen hat.” (S. 189) Und nicht nur aus dem bürgerlichen Lager kamen die Überwacher, der Verrat kam direkt aus dem Herzen der aufgeklärten Linken, die immerhin eine Unterkommission zur Erprobung und Einführung “neuer Informations- und Telekommunikationstechnologien” im Parlament installieren konnte, wenn sich dies jedoch als bitterster Pyrrhussieg von allen herausstellte und den Überwachungsstaat seinerzeit besiegelte: ”Vorsitzende ist die vom Spiegel ehemals als ‘links’ eingeordnete SPD-Abgeordnete Sigrid Skarpelis-Sperk, die sich bereits 1980 bei ihrem Einzug ins ‘Hohe Haus’ damit hervortat, daß sie erst einmal ‘auf eigene Kosten’ ihr Büro mit einem Schreibcomputer ausstattete.” (S.188)

Resteessen vom 28C3

Ich wünschte, ich könnte mehr zum 28C3 sagen, aber dazu müsste ich meine Gedanken erstmal ordnen. Immerhin kann ich überhaupt wieder etwas sagen und bin nicht mehr abgetaucht im Strudel der Ereignisse. Hier ein paar wirklich grobe Gedankensplitter:

  • Beim Anschauen des Panels “Geeks and Depression” habe ich viel gedacht, auch viel, was zu persönlich ist, aber eine Idee möchte ich dann doch teilen: Sollte es irgendwann einmal eine parteinahe Stiftung der Piratenpartei geben, soll sie bitte ”Florian Hufsky Stiftung” heissen.

  • Jaja, “#28c3 - The only place in the known universe where bitcoin is still relevant.” — dafür gab es dann aber doch einige Talks zu dem Thema. Und bei mir im Kopf entstand die Idee, ob man ein Mixmaster-System aufbauen könnte, in das man BitCoin einzahlt und das dann anonymisiert und verteilt über verschiedene PayPal-Accounts und Kreditkarten gestückelt das Geld an einem anderen Ende wieder auszahlt. Ist das überhaupt legal oder Geldwäsche? Und ist das wichtig, darüber nachzudenken oder typisch deutsch?

  • Die Spackeriade war großartig, nur ein Talk war ein bisschen schwach, der Rest hat mich inspiriert. Eine längere Veranstaltung, vielleicht in Form eines Post-Privacy-Camps, fände ich nicht falsch.

  • r0ket. Damit muss ich in Zukunft noch viel mehr basteln. Und um sie auf dem Mac zu flashen braucht man kein Ubuntu in einer VM, dank Lotterleben.

Roböxtica 2011: All filled up by machines of loving grace

There are bytes in the air, and Turing machines *everywhere* .

Travis Goodspeed

Man soll Ereignisse verbloggen, bevor es zu spät ist. Schon viel zu lange her ist mein Besuch in Wien, wo ich am 1. bis 4. Dezember 2011 an der Roböxtica teilnahm, einem u.a. von der Kunst-, Theorie- und Bastelneigungsgruppe monochrom veranstaltetes Festival für Cocktailrobotik:


“Wien ist die Hauptstadt der Cocktail-Robotik”, verkündet Johannes Grenzfurthner (Bild) stolz. Er ist Teil der Künstlergruppe monochrom, die heuer wieder gemeinsam mit dem Kollektiv Shifz zur Roboexotica laden. Bei dem seit 2002 stattfindenden Festival im Kunstkontext schenken Roboter verschiedenster Art Cocktails aus.

Drei Tage Trinken und Theorie mit Robotern (u.a. war ich auf einem eher spontan organisierten Panel zum Thema “Out of Control”) zehrten ganz schön an der Substanz, aber das Erlebnis war wunderschön. Wäre ich nicht selbst da gewesen, ich wäre neidisch auf mich.

Mein eigenes Projekt hieß ”PrecariBot: A Twittering Tip Jar in Times of Precarious Work”:

Precariedad. Precariedade. Précarité. Precarietà. Prekariat. Precarity. Non- standard employment which is poorly paid, insecure, unprotected, and cannot support a household is on the rise in Europe, especially in the service industry. While drink-mixing robots and machines represent the fun side of Post-Fordism in bars, let’s talk about money here.

The PrecariBot is a simple, Arduino-based tip jar. Customers, probably “first- stage gentrifiers” in the neighborhood of the bar, possessing the relevant cultural capital and smart phones, get lured in by the technological novelty of tipping using a QR code and the peer-to-peer currency of Bitcoin. The tip jar will spread messages of precarious work on Twitter with every tip received. At the end of the month, those registered as precarious workers with the tip jar get an e-mail message that asks them to organize and redistribute the acquired wealth.

Das twitternde Trinkgeldglas, das Bitcoins entgegennimmt und prekäre Arbeit thematisiert, war eher ein Prototyp — auch wenn alles funktionierte und zweimal auch von mir Unbekannten Besucherinnen oder Besuchern der Ausstellung Geld “eingeworfen” wurde. Ich will aber in den nächsten Wochen daran arbeiten, es tatsächlich in Cafes und Restaurants zu bringen. Dann gibt es auch den dazugehörigen Sourcecode online. Versprochen. Prost, Fordismus!

Ein Höhepunkt der Ausstellung war für mich neben verschiedenen Maschinen, die mehr oder weniger kompliziert Cocktails zubrereiteten oder servierten, ein Roboter, der alkoholische Crêpes herstellte — oder wie man in der österreichischen Varietät des Deutschen sagt: Palatschinken, ein Wort entlehnt aus tschechisch palačinka zu lateinisch placenta „Kuchen“. Lecker!

Hackerbrause zum Lesen

Die letzten Monate haben ihdl, yetzt und ich damit verbracht ein Buch über Hackerbrausen zu schreiben. Jetzt ist es Ende Dezember endlich soweit — gerade noch rechtzeitig für die letzten geekigen Weihnachtsgeschenke erscheint „Hackerbrause kurz&geek“ im O’Reilly Verlag. Alle weiteren Infos, Vorbestellmöglichkeiten und ein Link zu einem Probekapitel findet ihr auf hacker.brau.se

Wie ich das Geld auf der Straße fand und was ich damit tat nachdem ich es gefunden hatte

You—sitting right there, reading this article—you’re an avatar in Second Life. You work a Second Life job, earning Linden dollars. You have blue hair and a serpentine tail, and you’re dating an androgynous digital skateboarder named Rikki. Also, you are a ninja. Life is great.
At least, that’s the way things were supposed to unfold. In 2006, the future was Second Life. Business Week put Second Life on the cover. American Apparel, Dell, and Reebok, among many others, rushed to build virtual storefronts. Reuters even created a full-time Second Life bureau chief. People rushed to sign up and create their own avatars. Blue hair and Linden dollars were the future.

Looking back, the future didn’t last long. By the end of 2007, Second Life was already losing its fizz. “Businesses are shuttering in Second Life, it seems, because no one is using them,” wrote Morgan Clendaniel in a brutal piece in GOOD magazine. “There were never any employees at stores like Dell and Reebok when I visited, nor were there any customers. But that wasn’t that shocking because, for the most part, there seems to be no one in Second Life at all.”
Today, Second Life limps along. In the first half of 2011, the company reported that an average of about 1 million users logged in every month—which, you have to admit, is about 999,990 more than you expected. But during this same period, Facebook averaged roughly 500 million logins per month.

Etwa um 2006 habe ich auch das zweite Leben hinter mir gelassen. Das war kein bewusster Entschluss, etwa um gegen den Hype zu protestieren, der Second Life als Zukunft des Internets bis auf den Titel des Spiegels hochgelobt hatte, eher ein unbemerktes Ausschleichen nach einer langen Phase der Langeweile und der Frage danach, wozu Second Life eigentlich gut sein sollte. Ich hatte dort ein bisschen Go gespielt, weil ich es lustig und rekursiv fand, in einem 3D-Spiel ein etliche tausend Jahre altes Brettspiel zu spielen, ich war mit einer befreundeten Heise-Journalistin in eine Darkwave-Grufti-Disco gegangen und hatte mit dem Verkauf von Club-Mate in Second Life ein bisschen mit der spielinternen Ökonomie herumgebastelt.

Die meiste Zeit stand ich aber herum und war allein, denn Second Life war vor allem eins: ganz schön leer. Mein Avatar “Dumpling Gyoza” langweilte sich und mich. Ich wusste, dass die virtuelle Welt durchaus noch benutzt wurde, von Fetischfreund_innen wie Furries oder Goreanern als Spielplatz für Rollenspiele benutzt wurde, aber — wie man in England sagt — das war not my cup of tea.

Andererseits: Ich mag Software-Archäologie. Ich habe 2005 auf der GPN in Karlsruhe einen kleinen Vortrag über das längst vergessene Gopher-Protokoll gehalten und für das Chaos Communication Camp 2007 ein Textadventure geschrieben. Ich mag es, nostalgisch auf vergessene oder obsolet gewordene Medien oder Technologien zurückzublicken. Das war Grund genug, mich nochmal in Second Life einzuloggen — nachdem ich mein vergessenes Passwort zurückgesetzt hatte und den seit etlichen Jahren nicht mehr aktualisierten Client neu heruntergeladen hatte.

In Second Life gibt es eine spielinterne Währung, den Linden Dollar (L$). Mit L$ kauft man in der Spielwelt Land oder Klamotten oder man gibt dem DJ im Club ein kleines Trinkgeld. Monatlich (oder wöchentlich, ich weiss es nicht mehr) gibt es ein kleines Taschengeld, ansonsten müssen die L$ erarbeitet werden oder gegen Währungen aus der Welt jenseits des Videoschirms gekauft werden. Beim Login war ich überrascht: Durch nur wenige Jahre des Ignorierens hatte ich ein Taschengeld von über 20000 L$ erarbeitet, sozusagen Zinsen einer negativen Aufmerksamkeitsökonomie.

Für mich war klar, dass nur Kapitalflucht als Option in Frage kam. Aber anstatt in zukunftssichere Währungen wie griechische Drachmen zu investieren, beschloss ich mit meinem zufällig entdeckten L$-Vermögen die Kapitalflucht nach Bitcoin. In gewisser Weise ist Bitcoin der würdige Nachfolger von Second Life. Nach einem unvorstellbaren Hype in diesem Jahr, bei dem prophezeit wurde, dass die Peer-to-Peer-Währung alles umwerfen würde, brach die Aufmerksamkeit für das Projekt nach dem Crash im Juni 2011 ziemlich ein. Mit Mining oder heissen Geschäften ließ sich kein Vermögen mehr machen. Begeisterte Fan-Kids der Währung beteten zwar nach wie vor das Mantra “Jetzt ist genau die richtige Zeit, um Bitcoin zu kaufen”, aber das hatten sie auch schon gesagt, als der Bitcoin bei 30 US$ stand, dann bei 17 US$, bei 13 US$, bei 8,5 US$, bei 7 US$, bei 6,50 US$, bei 5 US$, bei 4 US$, und bei 3 US$. Irgendwann hört man nicht mehr zu. Und trotzdem: Es gibt noch Bitcoin. Nach wie vor ist es eine ziemlich ausgeklügelte kryptographische Lösung, an der sich etliche Sicherheitsexpert_innen die Zähne ausgebissen haben, ein pseudonymes Überweisungssystem für das Internet, das die PayPals der Welt schlecht aussehen lässt.

Wie PGP für Verschlüsselung wird es vermutlich in die Nerd-Nische verschwinden, aus der es gekommen ist, aber nicht sterben. Cypherpunk’s not dead, egal wieviele Nachrufe Wired dem Bitcoin-Hype spendiert. Das neoliberal-anarchokapitalistische Gestammel von der Bitcoin-Ökonomie fand ich immer verdächtig, das technische System dahinter allerdings durchaus schlau.

Bei VirWox war es relativ problemlos möglich, L$ in Bitcoin zu tauschen. Dazu muss man seinen Avatar nur in die virtuelle Region der Frankfurt Skyline teleportieren und an einem Automaten Geld einzahlen. Nachdem das Geld in Form von Bitcoin bei mir angekommen war, konnte ich mit dem ziemlich neuen, gerade erst erschienen Bitcoin-Client mein Vermögen in der wallet.dat-Datei ansehen. Nach ein bisschen Recherche im Bitcoin-Wiki hatte ich mich dann auch in die JSON-RPC-Schnittstelle eingefuchst und in Ruby ein Programm zusammengehackt, das mir meinen aktuellen Kontostand und den momentanen Wert in Euro ausgibt.

Es ist einer dieser Science-Fiction-Momente, wenn ich mich ökonomisch komplett in einer anderen Sphäre bewege als die meisten Menschen dort draussen. Es ist gleichzeitig aufregend und völlig bedeutungslos für die Weltökonomie von Occupy Wallstreet bis Euro-Krise. Ich habe vermutlich richtig viel Geld bei dem Tausch verloren. Geld, das ich nie besessen habe und das auf eine gewisse Art auch nie wirklich existiert hat. Vermutlich war alles nichts weiter als eine sinnlose Kunstperformance, wie sie die von mir hochgeschätzte Kunstgruppe monochrom schon vor einiger Zeit ganz ähnlich unter dem Namen Türme von Hanoi durchgeführt hatte. Aber, mal im Ernst: Was ist heutzutage nicht Performance?

Update: Um die Frage zu beantworten, die mir jetzt schon mehrfach gestellt wurde: Nach dem ganzen Hin und Her mit der Teleportation von Avataren und dem Wechsel virtueller Währungen bin ich jetzt um den Gegenwert von immerhin etwa 60 Euro reicher. Ich werde bei Gelegenheit davon vermutlich unter anderem einen leckeren Burger kaufen, den ich im einzigen mir bekannten Restaurant das Bitcoin akzeptiert, dem Room 77 in Kreuzberg, ganz unvirtuell geniessen werde.

Wen schützt der Verfassungsschutz?

Ich bin sauer. Ich bin hinreichend fassungslos, wenn auch leider nicht überrascht über das Ausmaß der staatlichen Unterstützung von Nazi-Terror, das nach und nach ans Licht kommt. Offensichtlich ist die Mord- und Bombenserie der letzten Jahre, die jetzt mit dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sowie der Festnahme von Beate Zschäpe in den Fokus rückt, nicht möglich gewesen ohne ein Mitwissen, möglicherweise auch eine finanzielle und logistische Unterstützung durch den Verfassungsschutz, zumindest aber eine systematische Verharmlosung von rechtem Terror über Jahre hinweg.

Der vom hessischen Verfassungsschutz geführte Mitarbeiter mit dem Spitznamen “Kleiner Adolf”, der in seiner Wohnung Waffen und eine Ausgabe von Hitlers “Mein Kampf” aufbewahrte, wurde mittlerweile vom Dienst suspendiert und arbeitet jetzt an anderer Stelle in einem hessischen Regierungspräsidium. Er war offensichtlich in den Mord an Haliz Yozgat involviert, der Teil der Mordserie war.

Innenpolitiker der CDU/CSU stellen mit einem Mal erstaunt fest, dass es in Deutschland Rechtsterrorismus gibt. Für Innenminister Friedrich ist das eine ganz neue Erkenntnis, denn noch vor wenigen Tagen sah ”Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich für Deutschland keine direkte Gefahr durch Terroranschläge von rechts. Hinweise auf rechtsterroristische Aktivitäten würde derzeit nicht vorliegen”. Mittlerweile fordert Friedrich ein Zentralregister für die ihm plötzlich bekannten “gefährlichen Neonazis”, sein Kollege Uhl fordert reflexhaft die Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Gestärkt durch seine Kernkompetenz als Innenpolitiker weiss Uhl, dass ein NPD-Verbot nichts brächte.

Ein Verbot der NPD ist tatsächlich nicht die einzige Lösung im Kampf gegen den Nazi-Terror. Es wäre aber eine rasche Sofortmaßnahme, zum Beispiel um die Unterstützung der mit der NPD eng verflochtenen und vermutlich über 100 Mann starken Terrorgruppe Skinheads Sächsische Schweiz, die trotz Verbot weiterhin aktiv zu sein scheint, zu stören. Ich benutze den Begriff “Terrorgruppe” hier als wertfreie Beschreibung für eine Vereinigung, die nachgewiesenermaßen ein Waffenarsenal hortete und Todeslisten von Gegnern anlegte. Mit Uwe Leichsenring saß bis zu seinem Tod ein Mitglied der Terroristen im sächsischen Landtag, was diese im Internet damit prahlen ließ, ihre Server ständen nun bei jemandem, der Immunität genieße.

Währenddessen werden die Taten des “Nationalsozialistischen Untergrunds” bei Polizei und Medien weiterhin unter dem drollig-rassistischen Begriff “Döner-Morde” verhandelt, was zeigt, aus welchem gesellschaftlichen Klima diese Taten stammen — direkt aus einem Land der Verharmloser und Nichtswisser, die aus ihrem Herzen die bekannte Kartoffel- und Sauerkrautmördergrube machen.

Wenn Journalistinnen und Journalisten sich zu den Hintergründen des plötzlich und völlig unerwartet aufgetauchten Nazi-Terrors informieren wollen und bei der seit Jahren als Expertin für rechtsextremen Terror arbeitenden thüringischen Landtagsabgeordneten Katharina König anrufen, werden sie dabei möglicherweise vom Verfassungsschutz abgehört. Ihr Telefon ist auf ihren Vater, den evangelischen Theologen und Stadtjugendpfarrer in Jena Lothar König angemeldet, gegen den wegen seiner Teilnahme an einer Demonstration gegen Nazis in Dresden ein Verfahren wegen “aufwieglerischen Landfriedensbruch” läuft. Kurz bevor Lothar König Redner auf der diesjährigen Demonstration “Freiheit statt Angst” war, gab es eine Razzia in seinem Büro durch etwa 25 bewaffnete Polizeibeamte einer sächsischen Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit. Ein Interesse am rechten Terror scheint bei den Verfassungsschützern zumindest nicht auf dem Gebiet der Strafverfolgung zu bestehen: In Thüringen subventioniert der Verfassungsschutz seit Jahren die rechte Szene, obwohl deren Gefährlichkeit auch durch die Arbeit von Lothar König und der Jungen Gemeinde bekannt ist. Über die Neonazi-Szene in Thüringen um 1997/98 stellte die Junge Gemeinde vor einigen Tagen ein dokumentierendes Video ins Netz.

Ich möchte, dass sich etwas grundlegend ändert. Ich möchte, dass die staatliche finanzielle und logistische Unterstützung von Nazi-Terror sofort beendet wird. Ich möchte, dass die staatliche Repression und Einschüchterung gegen Nazi-Gegner aufhört. Ich will, dass die völlig gescheiterte Extremismuspolitik von Ministerin Schröder beendet wird. Ich wünsche mir, dass offen über eine Auflösung des Bundesamtes und der Landesämter für Verfassungsschutz debattiert wird, die offensichtlich in den letzten Jahren den rechten Terror unterschätzt oder gar unterstützt haben. Ich halte das alles nicht für übertrieben aufgeregte oder gar linksradikale Forderungen. Ich halte sie angesichts der Gesamtlage für dringend notwendige Beiträge zur Wiederherstellung eines zivilisatorischen Mindeststandards.

Pepero Day

Heute ist der 11.11.11. Damit seid ihr dabei, wenn der Pepero Day begangen wird, zumindest in Korea, wo man sich an diesem Tag mit Schokolade ummantelte Stäbchen schenkt. Aufgrund der Form des Datums (“11” sieht nun mal aus wie wie zwei Sckokostäbchen) feiern wir dieses Jahr sogar den extrem seltenen und nur alle tausend Jahre einmal vorkommenden “Millenium Pepero Day”. Alle Details zu diesem wichtigen Feiertag vermittelt das folgende Video:

Memepunk, ein glücklicherweise weniger bekanntes literarisches Genre

Wir befinden uns in einer alternativen historischen Zeitlinie, in der Dampfmaschinen mit dem aus Internethumor gewonnenen Druck angetrieben werden. Möglicherweise auch in einer düsteren, nicht allzu fernen Zukunft voller Drogen, Computer, Straßensamurai und Lachkatzen, wer weiss das schon.

“FFFFFFUUUUUUUUUU-” entfuhr es ihr, als sie die letzten Tage Revue passieren liess. Boxxy hatte sie unter zur Hilfenahme einer Menge falscher Versprechungen beauftragt, in die Nachbarschaft von Candy Mountain zu reisen, um in einer Lagerhalle ein Ablenkungsmanöver gegen einen als Rainbow Dash verkleideten Mafioso durchzuführen. Zunächst schien alles nach Plan zu verlaufen. Ihr Ziel war mäßig von Tentakelmonstern geschützt. Doch die Lagerhalle war leer gewesen, von dem herumwehenden Tumbleweed abgesehen. FOREVER ALONE.

Da hörte sie Schritte, oder vielmehr ein Tippeln von Pfoten. Als sie sich umdrehte, blickte sie direkt in das Gesicht des verschlagenen Yakuza, der sich mit einem auf den Rücken geschnallten Toast und einem Regenbogenschweif getarnt hatte. “Nyan!” höhnte er sie in seiner unverständlichen Mondsprache an. “Es ist Freitag, Freitag! Gestern war Donnerstag, Donnerstag! Morgen ist es Samstag und danach kommt Sonntag!” Sie wusste, dass sie eine Woche verloren hatte.

Ihrem Auftraggeber berichtete sie per Rohrpost, wie ein Boss. “Hasser werden hassen” kabelte Boxxy zurück, hinter sieben Proxies sitzend und mit mächtiger Verschlüsselungssoftware ausgestattet. Nichts war mehr sicher. Sie war sich nicht sicher, ob sie Mensch war oder Tänzer. Möglicherweise gab es aber vor Ort gibt es auch eine Gruppe von Pedobären, deren Unterstützung sie gewinnen konnte, wenn sie ihnen half, über 9000 Gigapuddings zu stehlen. Ja, so müsste es klappen. Sie schaute auf die membetriebene Sonnenuhr an ihrem Handgelenk und wusste, dass ihr nur noch Stunden blieben. Der Showdown sollte um Punkt 12 auf einer Baustelle stattfinden. Sie zitterte angesichts des bevorstehenden Kampfes, denn es war schon in ihrer Jugend nicht immer gut ausgegangen. Sie war damals in ein ganz kleines Scharmützel geraten und ihre Mutter hatte Angst bekommen und sagte: “Du ziehst zu deiner Tante und Onkel nach Bel-Air”. Tränen kullerten ihr von der Wange. Es war hoffnungslos. Es war dem Feind gelungen, die Front in breiter Formation zu durchbrechen. Im Süden hatt der Gegner Zossen genommen und stieß auf Stahnsdorf vor. Der Feind operierte jetzt am nördlichen Stadtrand zwischen Frohnau und Pankow, und im Osten war der Feind bis zur Linie Lichtenberg, Mahlsdorf, Karlshorst gelangt.

Aber mit dem Angriff schlecht plagiierter, mäßig lustiger und über Gebühr strapazierter Meme würde das alles in Ordnung kommen.

Algorithmische Gedichte und das Urheberrecht

  1. Hunderttausend Milliarden Gedichte (frz.: Cent Mille Milliards de Poèmes) ist ein experimentelles Ensemble von zehn Sonetten, das 1961 von Raymond Queneau publiziert wurde. Sonette haben vierzehn Zeilen. Die Sonette dieses Werkes reimen sich nach dem Schema abab abab ccd eed. Das Besondere an diesen Sonetten von Raymond Queneau ist, dass in allen zehn Sonetten die a, b,c, usw. des Reim-Schemas für dieselben Zeilenendungen stehen, d.h. alle zehn Sonette sind nach demselben Reimschema gebaut, nicht nur insofern als sie Sonette sind, sondern auch insofern als sie alle zehn in den entsprechenden Versen immer übereinstimmende Endungen haben, sodass jede beliebige 1. Zeile (aus den zehn 1. Zeilen) mit jeder beliebigen 2. Zeile (aus den zehn 2. Zeilen) kombiniert mit jeder beliebigen 3. Zeile (aus den zehn 3. Zeilen), usw. usf., bis zu einer beliebigen 14. Zeile (aus den zehn 14. Zeilen) wieder ein (bezüglich des ganzen Reimschemas) korrekt geformtes Sonett ergeben. Das ergibt 10101010 = 1014 (= 100’000’000’000’000) Möglichkeiten — daher der Titel. Die einzelnen Verse sind Alexandriner.
    […]
    Da das Werk Eigenschaften von Hypertext besitzt, würde sich eine Darstellung mit Computerunterstützung anbieten. Die aktuellen Rechteinhaber haben Webimplementationen Dritter jedoch bisher nicht zugestimmt. Am 5. Mai 1997 wurde ein Webseiteninhaber auf Antrag von Queneaus Sohn Jean-Marie Queneau und des Verlags Éditions Gallimard gerichtlich zur Entfernung des Inhalts gezwungen.

  2. Im November 2007 hielt ich auf Englisch einen Vortrag zum Thema ”Why machines should generate literature so humans don’t have to” in Wien als Teil des Symposiums ”Ghost in the Machine” auf der Roboexotica 2007. Boingboing (deren Co-Autor Cory Doctorow ebenfalls mit mir zusammen bei dem Symposium vortrug) schrieb darüber und zeigte meine einzige Folie im Vortrag mit einem Rechtschreibfehler. Nie lagen Ruhm und Peinlichkeit so nah zusammen. Eine Aufzeichnung des Vortrags gibt es im MP3-Format hier. Mittlerweile ist der Vortrag auch in Buchform in einer Aufsatzsammlung erschienen.

Koreanische Esskultur

Ich wurde gebeten, für eine Veranstaltung der Botschaft der Republik Korea ein paar Worte für deutsche Leserinnen und Leser zu schreiben, um die koreanische Esskultur knapp zu erklären. Damit der schnell geschriebene Text nicht in der Versenkung verschwindet, packe ich ihn einfach mal hier in dieses Blog.

Die koreanische Esskultur hat, bedingt durch die Geschichte und Geographie des Landes, auf den ersten Blick einige Gemeinsamkeiten und bemerkenswerte Unterschiede zu den ostasiatischen Nachbarn. Das Essen ist oft feurig scharf und kräftig — Chili und Knoblauch prägen den Geschmack koreanischer Speisen. Grundlage einer koreanischen Mahlzeit ist der gekochte Reis (bap), der so wichtig und zentral für die Ernährung ist, dass er synonym für Essen allgemein verwendet wird: Wenn Koreaner einander fragen, ob sie schon zu Mittag gegessen haben, fragen sie “Hast du Reis gegessen?”

Neben dem Reis gehört zu einer koreanischen Mahlzeit eine Suppe und eine reiche Auswahl an Beilagen (banchan). Je nach Anzahl der servierten Beilagen bezeichnet man das Arrangement auf dem Esstisch als 3 cheop, 5 cheop, 7 cheop, 9 cheop oder 12 cheop bansang. 12 cheop ist in Korea für die traditionelle königliche Hofküche reserviert.

Unter den Banchan-Beilagen ist Kimchi am bedeutendsten. Kimchi ist eingelegtes und milchsauer vergorenes Gemüse (ähnlich dem deutschen Sauerkraut), das mit Salz und Chilipulver gewürzt wird und häufig aus Chinakohl zubereitet wird. Kimchi ist bei koreanischen Mahlzeiten so essenziell als Banchan, dass einige Koreaner ein Essen ohne Kimchi nicht als vollständige Mahlzeit ansehen. Ausser aus Chinakohl wird Kimchi auch aus anderen Gemüsen zubereitet, etwa Frühlingszwiebeln, Rettich oder Gurken. Der scharfe Geschmack von Chili, der so charakteristisch für die koreanische Küche ist, kam allerdings erst im 16. Jahrhundert dazu: portugiesische Seefahrer brachten die Chilischote aus Amerika auf die koreanische Halbinsel, wo sie begeistert aufgenommen wurde — zumindest begeisterter als die Versuche, die Bevölkerung zum Christentum zu missionieren. Neben dem Kimchi wird als Banchan oft Namul serviert: Namul nennt man gedünstetes, mariniertes, oder im Wok gebratenes Gemüse, das etwa mit Sesamöl, Salz, Essig, gehacktem Knoblauch, Frühlingszwiebeln, getrocknetem Chili oder Sojasauce gewürzt wird.

Hauptgerichte bestehen oft aus gebratenem Fleisch, wobei Rind, Schwein und Geflügel in Korea verzehrt werden. Marinierte Rippchen (Galbi) oder marinierte Fleischstreifen (Bulgogi) werden dabei oft am offenen Grill gebraten. Daneben schätzen Koreaner vor allem Fisch und Meeresfrüchte wie Oktopus oder Kalmar. In den buddhistischen Klöstern Koreas hat sich daneben auch eine eigene rein vegetarische Küche entwickelt.

Traditionell wird auf dem von der koreanisch Fußbodenheizung Ondol geheizten Boden sitzend von einem niedrigen Tisch gegessen. Dabei werden wie in anderen ostasiatischen Ländern Essstäbchen verwendet, die in Korea allerdings häufig aus Metall sind. Neben den Stäbchen wird im Unterschied etwa zu China und Japan unbedingt auch ein Metalllöffel gedeckt. Beim Essen werden soziale Regeln gepflegt, wenn man sich gegenseitig Getränke einschenkt und sich gemeinsam an den Beilagen der Tafel bedient. Koreanische Mahlzeiten spiegeln damit den Charakter der koreanischen Gesellschaft wieder: in ihrem dynamischen und feurigen Geschmack finden sich die ästhetischen Vorlieben der traditionellen Kunst, die anders als etwa die extreme Reduziertheit japanischer Ästhetik sehr lebhaft ist, ebenso wie sich in den Regeln und Hierarchien bei der Einnahme der Speisen die konfuzianische Gesellschaftsordnung beim Essen als sozialer Handlung erkennen lässt.